Familie Morgenthaler: eine Heldengeschichte

Publiziert am

5.6.2020

Esther Morgenthaler mit ihren Kindern

Die Coronakrise kennt zum Glück zahllose Heldinnen und Helden.Auch der Entlastungsdienst Schweiz hat viele Held*innen dieses aussergewöhnlichen Alltags in seinen Reihen: Betreuer*innen, die weiterhin Menschen unterstützen und natürlich unzählige betreuende Angehörige. Bei Familie Morgenthaler findet man gleich mehrere Held*innen, welche trotz einem schweren Schicksalsschlag immer optimistisch bleiben und gemeinsam für eine bessere Zukunft kämpfen.

Die Bäuerin und vierfache Mutter Esther Morgenthaler hatte mit 47 Jahren einen schweren Fahrradunfall. Seither hat sie mit Hirnschäden zukämpfen und ist rechtsseitig gelähmt (Hemiplegie). Ihre vier Kinder waren damals zwischen 13 und 17 Jahre alt, als sich ihr Leben von einem Moment auf denanderen um 180 Grad änderte. Esther lag lange Zeit im Krankenhaus. Danach kämpfte sie sich in der Rehaklinik und im Pflegeheim zurück ins Leben. Nachdem das Bauernhaus im Erdgeschoss rollstuhlgängig umgebaut worden war, hat die Familie Esther zurück nach Hause holen können. Insgesamt waren seit dem Unfall etwa 2 ½ Jahre vergangen. Als sie wieder zuhause war, musste sich die Familie an den neuen Alltag gewöhnen. Esther Morgenthaler war nicht nur körperlich stark eingeschränkt (Apraxie) und auf den Rollstuhl angewiesen, sondern auch das Sprachzentrum wurde verletzt (Aphasie). Sie hat Mühe ganze Sätze zusagen. Ohne den Entlastungsdienst hätte sie den Alltag zusammen mit ihrem Ehemann und ihren Kindern nicht mehr meistern können. Die Betreuerinnen haben mit ihr gekocht und waren ihr bei allem behilflich, was gerade so anfiel. Auch für die vier Kinder und den Ehemann von Esther hatten sie stets ein offenes Ohr und schon nach kurzer Zeit gehörten sie zur Familie. Gerade für den jüngsten Sohn waren sie wichtige Bezugspersonen und von da an auch bei Geburtstagen oder seiner Konfirmation dabei.

«Ich habe wirklich viele eindrückliche Momente erlebt mit der Familie Morgenthaler, die zum Teil auch mein Leben verändert haben! ». Annemarie Kirchhofer über ihre Arbeit bei Familie Morgenthaler

Als zwei der damaligen Betreuerinnen ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben konnten, hat die Vermittlerin Nelly Neuenschwander alles darangesetzt, einen guten Ersatz zu finden. Auch ihr war die Familie ans Herz gewachsen und sie wusste genau, auf was es bei einer neuen Betreuungsperson ankommt. So haben Annemarie Kirchhofer, Sabine Bolliger und Dora Steiger den Weg zur Familie Morgenthaler gefunden. Die Einsätze bei Esther geniessen die drei Frauen immer sehr. «Es fühlt sich gar nicht wie Arbeit an,wenn ich Zeit mit Esther verbringen darf. » Sabine Bolliger. Denn was die Mutter trotz ihres langen Leidensweges stets behalten hat, ist ihr warmherziger und motivierender Charakter.

«Sie ist mein grosses Vorbild. Wenn ich ein Buch über sie schreiben würde, wäre der Titel „lachen, kämpfen, vorwärts gehen!“». Worte, die Esther Morgenthaler trotz ihrer Sprachstörung immer wieder betont. Die älteste Tochter Catherine über ihre Mutter

Ihre fröhliche und positive Art ist regelrecht ansteckend.Vielleicht ist das der Grund, warum auch ihre Familie stets weiterkämpft und einen aussergewöhnlichen Zusammenhalt hat. Denn trotz gesundheitlichen Rückschlägen und wiederholten Klinikaufenthalten haben Esther und ihre Liebsten nie das Vertrauen ins Leben verloren.

Aber auch Esther Morgenthaler hat ihre nachdenkliche Seite.Gerade wenn es um ihre Selbstständigkeit geht, fällt es ihr nicht immer leicht,Hilfe anzunehmen. Umso glücklicher ist sie darüber, dass sie dank der Unterstützung des Entlastungsdienstes zuhause leben kann. Auch ihr Mann geniesst es, dass Sabine, Dora und Annemarie abwechslungsweise vorbeikommen und gemeinsam mit Esther jeden Tag etwas Leckeres auf den Tisch zaubern. Die Betreuerinnen setzen sich dann auch einmal mit ihm hin, trinken einen Kaffee und sprechen darüber, was ihn bewegt und beschäftigt. Manchmal nehmen die Frauen auch ihre Partner mit, damit er sich mit ihnen austauschen und gemeinsam Dinge unternehmen kann.

Das sei das Besondere an der Begleitung durch den Entlastungsdienst, sagt die älteste Tochter von Esther, dass die Betreuerinnen nicht nur für ihre Mutter da seien, sondern für die ganze Familie. Sie nehmen sich Zeit und kümmern sich um die Bedürfnisse von allen Familienmitgliedern. Sie planen gemeinsame Projekte und machen sich viele Gedanken darüber, wie sie Esther und ihren Liebsten eine Freude machen können.

Ein Projekt, das Esther besonders berührt hat, war die Umgestaltung ihres Gartens. Vor ihrem Unfall arbeitete sie gerne im Garten und es machte sie sehr traurig, dass sie ihrem grossen Hobby nicht mehr richtig nachgehen konnte. Deshalb hat Dora Steiger gemeinsam mit ihrem Ehemann und Herrn Morgenthaler einen Teil des Gartens mit Bodenplatten ausgelegt und Hochbeete im Garten angelegt, damit Esther ohne Probleme mit dem Rollstuhl in den Garten gelangt und von ihrem Rollstuhl aus Blumen anpflanzen kann. Seither ist sie wieder oft in ihrem Garten und pflegt mit grosser Leidenschaft ihre Pflanzen.Auf ihr selbst angebautes Gemüse ist sie besonders stolz.

Als Esther im Frühling ins Pflegeheim kam und aufgrund des Corona-Lockdowns nicht nachhause konnte, hat sie wie so oft das Beste aus der Situation gemacht – genau wie ihre Familie und die Betreuerinnen Dora,Sabine und Annemarie. Sie haben regelmässig telefoniert, viel gelacht und Pläne geschmiedet für die Zeit nach Corona. Weil Esther es liebt, Briefe zuschreiben, haben sich die Frauen viele Karten geschickt. So kam bei Esther trotz der Isolation keine Langeweile auf.

Die vier Kinder haben die Zeit genutzt, um das Zimmer der Mutter zu renovieren und neu einzurichten. Einer der beiden Söhne von Esther ist Schreiner und hat gemeinsam mit seinen Geschwistern einen neuen Kleiderschrank gebaut, der von einer Person im Rollstuhl gut bedienbar ist. Das Geschenk ist etwas ganz Besonderes, auch da das Holz dafür von einem früheren Nachbarn und guten Freund der Familie stammt, der verstorben ist. Er war Künstler und hatte das Holz damals bei ihnen eingelagert. Die vielen Stunden Arbeit der Kinder haben sich gelohnt. Als Esther an Pfingsten wieder nachhause kommen konnte, hat sie vor Glück sogar ein paar Tränen vergossen.

Wir sind uns sicher, mit der Geschichte dieser starken Familie und ihrer herzlichen Betreuerinnen könnte man wirklich Bücher füllen.Herzlichen Dank an die Familie, dass sie uns einen kleinen Einblick in ihr bewegtes Leben gegeben hat!

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