«Wir geniessen das Leben, so gut es geht»

Publiziert am

21.10.2021

Bild: Entlastungsdienst Schweiz

Ernst Zankl betreut seine an Alzheimer erkrankte Frau Rosmarie zuhause. Trotz der Belastung geht es ihm und seiner Frau dabei gut. Die beiden lassen sich von der Krankheit die Lebensfreude nicht nehmen. Dennoch braucht auch Ernst Zankl hin und wieder eine Pause. Wie lange er sich diese noch leisten kann, ist offen.

Rosmarie und Ernst Zankl leben schon seit 35 Jahren zusammen in ihrer geliebten Wohnung im Kanton Zürich. Inzwischen sind beide 77 Jahre alt und wünschen sich, dass sie noch möglichst lange so weiterleben können.

Daran soll auch die Alzheimer-Erkrankung von Rosmarie Zankl nichts ändern. Auch wenn man sich mit dieser Erkrankung enorm verändert, wie Ernst Zankl betont. «Schon vor vielen Jahren konnte man erste Veränderungen bemerken. Ich glaube, das begann schon, als Rosmarie noch viel jünger war. Vielleicht um die 70? Aber das wurde uns wohl erst im Nachhinein klar, als die Diagnose da war.» Diese kam vor zwei Jahren und hat trotz ihrer Schwere Erleichterung gebracht. «Es ist doch auch wichtig zu wissen, womit man es zu tun hat. Was da vielleicht auf einen zukommt», sagt Ernst Zankl.

Ständige Präsenz

Seit der Diagnose ist für Zankl klar, dass er nun eine neue, zusätzliche Rolle einnimmt im Zusammenleben mit seiner Frau. Er übernimmt die meisten Aufgaben zuhause und ist damit «gut ausgelastet», wie er sagt. Neben den administrativen und organisatorischen Aufgaben schaut er, dass Rosmarie Zankl rechtzeitig zur Ergotherapie kommt, kocht für beide regelmässig etwas Warmes, schaut, dass sie zu genügend Bewegung kommen und hin und wieder Bekannte treffen. «Ich habe ja noch eine gewisse Stabilität, im Moment geht das gut», sagt Ernst Zankl. «Aber ich frage mich manchmal auch: Was ist, wenn mir einmal etwas zustösst? Was geschieht dann mit Rosmarie?»

Was Ernst Zankl im Alltag am meisten Energie koste, sei die Präsenz. «Ich bin immer bei meiner Frau, ich lasse sie kaum allein. Und ich denke eigentlich stets für zwei», sagt er. «Von aussen mag das alles leichter aussehen, als es ist. Ich glaube, eine aussenstehende Person kann die Situation kaum wirklich nachvollziehen.»

Kaum Raum für Selbstfürsorge

Damit der betreuende Angehörige hin und wieder Besorgungen ausser Haus machen kann, ohne sich um seine Frau zu sorgen, kommt eine Betreuerin des Entlastungsdienstes Schweiz – Kanton Zürich regelmässig vorbei. Einmal pro Woche verbringt diese zwei Stunden mit Rosmarie Zankl. «Meist gehen wir spazieren, oft auch mit dem Hund der Betreuerin, das mag ich sehr», sagt Rosmarie Zankl. «Wir reden und lachen viel miteinander. Mit Manuela kann ich eigentlich über alles reden.» Ernst Zankl ist froh, dass die beiden eine gute Zeit miteinander verbringen und er Dinge in Ruhe erledigen kann. «Natürlich würde ich ganz gerne auch einmal etwas für mich alleine machen. Aber dafür gibt es zurzeit einfach nicht genügend Raum», sagt er.

Wie geht es weiter?

Das sei jedoch schon in Ordnung so. Auch finanziell gehe das im Moment noch gut. «Wir sind privilegiert: Wir profitieren von einer Tarifreduktion beim Entlastungsdienst Schweiz. Sonst würde das nicht gehen.» Der Blick in die Zukunft ist derweil beim Ehepaar Zankl ein etwas banger.

«In den nächsten ein bis zwei Jahren wird es wohl problematisch. Viel länger werden wir uns die Betreuung nicht leisten können.»

«Wenn Pflegeleistungen nötig werden, können wir uns auf die Krankenkasse verlassen. Aber das ist sicher auch später der kleinere Betrag.» Zankl findet, es bräuchte eine drastische Änderung im System von Unterstützung, Betreuung und Pflege im Alter für die Schweiz. «Die Überalterung bringt viele Herausforderungen. Aber für die Politiker scheint das kein grosses Thema zu sein.»

Von der Freude abhalten lassen sich Rosmarie und Ernst Zankl nicht. «Wir geniessen das Leben zusammen, solange es geht. Wir essen gern gut, wir bewegen uns regelmässig. Das tut uns gut», so die beiden. «In unserem Alter hat jeder Baustellen.» Und wenn sie einen Wunsch frei hätten für die Zukunft? Ernst Zankl lacht. «Naja, mit einer Million Franken würde sich wohl vieles einfacher gestalten!»

DANKE für rund 80 Millionen Stunden unbezahlte Arbeit

Insgesamt rund 80 Millionen Stunden unbezahlte Arbeit werden jährlich für die Betreuung und Pflege von nahestehenden Personen geleistet. Es ist klar: Ohne betreuende Angehörige wäre vieles undenkbar – in der Familie ebenso wie in der Gesellschaft. Darum stehen am 30. Oktober, dem Tag für pflegende und betreuende Angehörige, die Menschen im Fokus, die all dies möglich machen.

Der Entlastungsdienst Schweiz und weitere Organisationen wollen damit die Anerkennung für die Leistung betreuender Angehöriger fördern. Verschiedene Aktionen finden dazu statt.

Weil ein Dank allein aber nicht reicht, fordert der Entlastungsdienst Schweiz, dass Betreuung in der Schweiz so finanziert wird, dass sie für alle zugänglich ist und stellt den diesjährigen Tag für pflegende und betreuende Angehörige unter das Motto «Gut betreut daheim: eine Frage des Geldes».

Tag für pflegende und betreuende Angehörige«Gutes Alter für alle – eine öffentliche Aufgabe?», Nationale Tagung, 29. Oktober 2021, BernMöchten Sie mehr lesen? Hier gehts zu alle News & Storys